Ein anderer Neujahrsgruß

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Sommer auf Kopfsteinpflaster, Herbst mit Frust, Winter in der Konsumgesellschaft und Frühling der Hoffnung – satirische Hommage an Wien

All jene, die dem unheimlichen Gestrüpp von verschwitzten Menschen und verzweifelten Eltern, welche die Sommerplanung für ihre Kinder zu weit hinaus geschoben haben, in den heißesten Monaten nicht entkommen können, wird der Alltag und die geliebte Heimat schnell zum Graus. Es schieben sich die touristischen Massen und bunte Schirme ragen in die Luft, fast schon bedrohlich wirkend und als gewisses Warnsignal, wie jene Pistolen, welche man nach einem Flugzeugabsturz einsetzt um auf sich aufmerksam zu machen. Alljährliches Chaos mit welchem man sich mittlerweile hätte abfinden müssen, nimmt jedes Jahr Anlauf und übertrumpft sich selbst in Opulenz, Diversität und Grotesk.
Für die Stadtbewohner, welche diese Situation nur allzu gut kennen, möchte ich an dieser Stelle einen kurzen Schweigemoment einlegen und mein Beileid kundtun.

Nun gibt es diejenigen unter uns, welche nicht nur Flugtickets online in den Einkaufswagen legen, um später das kleine Fenster zu schließen – und mit ihm die Reiseträume -, sondern aktiv die Dinge in die Hand nehmen um neue Ecken der Welt zu erkunden. Sei es Antalya, eine kurze Ausfahrt nach US und A oder Eisenstadt-Umgebung. Ich bin begeisterte Reisende und versuche meinen schier unersättlichen Hunger nach neuen Kulturen und Ländern zu stillen. Doch besonders in den letzten Jahren wurde das Reisen ein wenig komplizierter und eventuell humorvoller für jene, welche den Hintergrund nutzen um zu beobachten. Meist sind diese völlig in rot gekleidet und von der Spezialeinheit AUA. Nehmen wir an, für die Anreise nutzen wir unser Auto: nun wird einem in der Fahrschule beigebracht, man müsse vier- bis sechsmal blinken, bevor man den Fahrstreifen wechselt. In der Theorie klingt dies ja auch noch plausibel, aber haben Sie schon mal am Gürtel versucht vier- bis sechsmal zu blinken, ohne in Prag zu landen, immer noch im selben Fahrstreifen?!
So sehr ich die Stadt meiner Kindheit bewundere, kann es das doch nicht gewesen sein? Es ist noch nicht genug! So viel habe ich noch zu sehen, zu erleben, zu fühlen. Sicher, der Weg zur Ostautobahn und somit meist Schwechat, weil Parndorf und Neusiedl sowieso schon mehr touristische Attraktionen als praktisch und von Nutzen sind, lässt das Herz höher schlagen. Aber sehnen sich nicht alle Menschen nach dem Austritt aus der Routine und ein bisschen Nicholas Sparks im Leben?

Apropos Nicholas Sparks, vor allem der Herbst kann für die Erotikromanleser und notorischen Bridget Jones‘ unter uns schmerzhaft sein. Das leicht fröstelnde Wetter und die zwei für eins Angebote sind Erinnerungen an das Versagen des eigenen Liebeslebens. Abgesehen natürlich für jene Menschen, welche ihre Lebensabschnittspartner ungeniert auf der Straße auf deren intakte Mandeln und Säure zu Basengehalt im Speichel, mit praktischem Teil versteht sich, untersuchen.
In einen Zwiespalt gerät man in der Vorweihnachtszeit. Adventmärkte geben erneut Gründe über das eigene Verhalten dem anderen oder eigenen Geschlecht gegenüber nachzudenken. Ein Lichtblick: Umso weniger Menschen man in seinem Leben hat, desto weniger muss man mit einem überteuerten, unpersönlichen Geschenk am Heiligen Abend überraschen. Die Rolltreppen im Gerngross, und mögen sie auch bergauf fahren, werden uns im Dezember doch immer den Weg in das ewig Warme unter der Erde zeigen. Man könnte in der Begegnungszone gar nicht genug Lichter aufhängen, um von den Rechnungen und der unidyllischen Konsumgesellschaft abzulenken.

Nachdem Neujahr ausgiebig gefeiert wurde und die Mitgliedschaften in den Fitnesscentern rasant nach oben schossen, erwachen wir in einem fast neuen Wien. Die letzten erwachen aus dem Winterschlaf, was sich bemerkbar macht an dem wieder vermehrten Aufstellen der Tafeln: „Nimm ein Sackerl für mein Gackerl.“ Jedes Jahr unterscheidet sich von dem vorhergehenden und gleicht ihm doch so sehr. Rückblickend ändert sich alles, ständig. Nie haben wir genug und doch alles zur Genüge. Glücklich schätzen wir uns zu selten oder eben nur solange bis jemand um viertel acht mit Leberkässemmel im 13A steht und auf den Haltegriff niest.

In diesem Sinne ein hoffnungsvolles neues Jahr, möge es das Bestmögliche werden!

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